Libertinismus in Deutschland

In Deutschland ist die Verbreitung libertinen Gedankenguts zunächst wegen der desolaten Forschungslage schwerer einzuschätzen, weswegen dieses Kapitel auch nur vergleichsweise kurz ausfallen kann. Wie die freigeistigen Strömungen sich in die Libertinage eindenken, demonstriert ein kleiner Beitrag von Martin Mulsow für das ausgehende 17. Jahrhundert, wenn auch im Rahmen der Fragestellung der Konstitution von Gelehrtenrepubliken: Ein gewisser Johannes Lyser verteidigte die Polygamie als gottgewollt und naturgemäß. Der Philologe Andreas Beverland hingegen verstand den Sündenfall als ersten sexuellen Akt in der Menschheitsgeschichte und las aus der Bibel eine „verborgene sexuelle Textur“ heraus. Beide Autoren entwickeln ihre tollkühnen Thesen, die sie zwar ins Elend, aber nicht auf den Scheiterhaufen führten, aufgrund eines geradezu fundamentalistischen Naturalismus, dem, im zweiten Fall nachweisbar, Spinoza Pate gestanden hat:

Es handelt sich also nicht um das simple Faktum einer Bejahung von Sinnlichkeit und Sexualität, das gibt es auch früher. Es handelt sich um die komplexe Verbindung von Sexualitätsdiskurs, normativem Naturalismus und gelehrter oder literarischer Darstellung.[1]

Diese Verbindung ist für den Libertinismus, wie er hier verstanden wird, konstitutiv.[2]

Und Beispiele für solche Verbindungen gibt es im 17. und 18. Jahrhundert mehr, als man bisher wahrnehmen wollte. Dabei spielen Übersetzungen eine Rolle. Der bereits erwähnte Dialog Vénus dans cloître ist bereits 1689 – mit der Druckangabe Cöln: A. Marten – ins Deutsche übersetzt worden: Die Venus im Kloster / Oder / Die biss aufs Hembd ausgezogene geistliche Nonne / Bestehet / In vier überaus vorwitzigen Gesprächen / Welche Der Abt von Mundellzheim der Frau Aebtissin zu Dittlenheim dediciret und zugeschrieben. Das einzige bibliographisch nachweisbare Exemplar befand sich in der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz; es ist heute verloren. Ein für dieses Genre typisches Schicksal, dürften doch viele Texte nur in seltenen Exemplaren überlebt haben, von denen durchaus nicht alle in öffentlichen Bibliotheken greifbar sein müssen. Verbreitet hingegen waren und sind immer noch z. B. Benjamin Neukirchs berühmte, ab 1697 erschienene Anthologie oder die Romane von August Bohse, Christian Friedrich Hunold und Johann Leonhard Rost.[3] Ernst Fischer hat am Beispiel eines Gedichts von Johann Wilhelm Ludwig Gleim die verdeckte Ablehnung theologischer Grundlehren und den heimlichen Libertinismus der deutschen Anakreontik freizulegen versucht – eine rehabilitierende These, die einer genaueren Prüfung vielleicht bei den Frühwerken Gleims und anderer Anakreontiker standhält.[4]

Wilhelm Heinse, Übersetzung von Petrons Satyricon

Wilhelm Heinse, Übersetzung von Petrons Satyricon

Unbezweifelbar libertin ist aber Wilhelm Heinse, der im Halberstädter Anakreontikerkreis verkehrt hat.[5] Berühmt – über die Heinse-Forschung hinaus – ist die harsche Reaktion Christoph Martin Wielands auf die Übersetzung von Petronius’ Satyrikon, die Heinse 1773 unter dem Titel Die Begebenheiten des Enkolp erscheinen ließ, und zwar nach einer lateinisch-französischen Vorlage, die François Nodot 1694 (unter Verwendung einer „unechten“ Handschrift) hergestellt hatte. Über die „priapische Seele“ Heinses schimpfte Wieland gegenüber Heinses Mentor und seinem Freund Gleim entsetzt. Die Begebenheiten des Enkolp wurden zwar vor dem Ardinghello zu Heinses größten Verkaufserfolg, galten aber der Forschung fortan als unanständiger Ausrutscher, der nur durch materielle Zwänge überhaupt zu entschuldigen war. Dabei ist der Petron vielmehr als eine Übersetzung: der Versuch die deutsche Sprache für erotische und sexuelle Empfindungen geschmeidig zu machen, was es zuvor nie gegeben hatte. Dabei geht es Heinse natürlich nicht um Pornographie, sondern um den Versuch, für Phänomene der körperlichen Subjektivität eine Sprache zu finden. Im Petron hatte Heinse dies für die sexuelle Aktivität des Menschen getan, in den Düsseldorfer Gemäldebriefen von 1774 wird er versuchen, eine direkte Sprache für die Anschauung zu finden. Beides hat seinesgleichen in Deutschland in dieser Zeit nicht (und ist korrelativ zu Goethe – beide erkannten denn auch in diesen Jahren ihre Wahlverwandtschaft).

Wielands Reaktion hat man später mit den Schwierigkeiten zu erklären versucht, in die der Erfurter Professor für Philosophie kurz nach seiner Berufung 1769 geraten war. Wielands Berufung war Teil eines Reformprogramms gewesen, dem die Universität unterworfen werden sollte. Konservativen Kreisen im Kurstaat Mainz waren aber die Reform und der Berufene, dessen Schriften als frivol galten, ein Dorn im Auge. 1770 gingen die Behörden gegen einige Mitstudenten Heinses vor, die der Gotteslästerung beschuldigt wurden. Wieland schaffte es zwar, den Prozess niederschlagen zu lassen, doch standen er und seine Studenten fortan unter Generalverdacht. Einigen sehr verdeckten Hinweisen in Briefen Heinses folgend, bestand dieser Verdacht zurecht, zumindest was Heinse selber und seinen Freund Joseph Schwarz anging. Offenbar las man unter Wielands Studenten ‚gotteslästerliche‘ Schriften, woher immer man sie auch bezogen haben mochte. Und Heinse zog ab Sommer 1771 ein Jahr lang mit zwei Abenteurern durch Deutschland, einem gewissen Liebenstein und Woldemar Hermann Graf von Schmettau, dessen antiklerikale Schriften selbst im liberalen Dänemark, das eigentlich keine Zensur kannte, verboten waren. Schmettau war ein Freigeist, Heinse mehr als dieses: ein Libertin, zumindest in vielen seiner Schriften bis zum Ardinghello.

Die Priapischen Oden wurden - wohl fälschlich - G. A. Bürger, J. H. Voß und F. L. Graf zu Stolberg zugeschrieben

Die Priapischen Oden wurden - wohl fälschlich - G. A. Bürger, J. H. Voß und F. L. Graf zu Stolberg zugeschrieben

Als solcher hat er mit der Übersetzung Petrons und mit dem Ardinghello nicht nur Ruhm errungen, sondern Skandal gemacht. Aber Heinse war natürlich nicht der einzige Autor, der mit libertinen Mustern, teils übersetzt, teils aus eigener Produktion, arbeitete – wobei der Ausdruck ‚übersetzt‘ hier vielleicht mehr als Form der Aneignung denn als getreues Nacharbeiten der Vorlage verstanden werden muss, so wie Nodot Petron und Heinse Nodot-Petron produktiv nachschuf. Von 1791 bis 1797 erschien (in Berlin) die Reihe der „priapischen Romane“, die Übersetzungen aus dem Französischen und Englischen brachte. Johann Georg Scheffner hat mit den Gedichten im Geschmack des Grecourt einen ‚galanten‘ Rokokodichter eingedeutscht (eine Autorschaft, die Scheffner allerdings abstritt) und mit Ernst und Minette eine erotische Erzählung mit libertinen Spuren verfasst. Auf Alexis Piron und seine Ode à Priape, die in Frankreich zu Lebzeiten des Verfassers nicht gedruckt wurde, sondern nur handschriftlich zirkulierte, was die Ächtung Pirons nicht verhinderte, geht die zweite der Phantasien, in drei priapischen Oden dargestellt und im Wettstreit verfertiget von B., V. und St. (1795/1820) zurück, Oden, die traditionell, aber wohl fälschlich mit Gottfried August Bürger, Johann Heinrich Voß und Friedrich Graf zu Stolberg identifiziert werden.[6] Es gibt noch andere Texte, die in diesen Zusammenhang untersucht werden wollen, so Gustav Schillings Denkwürdigkeiten des Herrn v. H. (1787) oder Carl Timlichs Briefroman Priaps Normalschule (1789), Michael Kosmelis Die zwei und vierzigjährige Aeffin. Das vermaledeiteste Mädchen unter der Sonne (1800) oder, am oberen Ende der Zeitskala, Schwester Monika von 1815, oft E.T.A. Hoffmann zugeschrieben. Jakob Reinhold Michael Lenzʼ Philosophische Vorlesungen für empfindsame Seelen (1780) erklärt den  „Geschlechtertrieb“ zur „Mutter aller unserer Empfindungen.“[7]

Werner Fuld machte darauf aufmerksam, dass Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach seinerseits eine große Sammlung französischer libertiner Literatur besaß, die über Umwege in die Anna Amalia-Bibliothek fand, wo sie – analog zum „Enfer“ in Paris – aufgestellt wurde und nur zur wissenschaftlichen Benutzung freigegeben war (Oskar Ludwig Bernhard Wolff fand dort etwa das Material für seine interessanten Passagen zum erotischen Roman).[8] Diese Sammlung ist nicht das einzige und längst nicht das wichtigste Zeugnis für den im klassischen Weimar gepflegten Libertinismus. Bei Goethe selbst lassen sich viele Elemente libertinen Denkens ausmachen, die man freilich mit dem Versuch, den Dichter-Fürsten zum Klassiker zu purifizieren, zu verdecken und im Fall der Venezianischen Epigramme gar zu zerstören versuchte. Goethes ‚Naturalismus‘, der im Zusammenhang der Römischen Elegien und der Italienischen Reise, greifbar wird und das damit verbundene antichristliche Bekenntnis zur heidnischen Antike (die die Entsakralisierung von Kunstwerken einschließt – man denke nur an Raffaels Heilige Cäcilie in Bologna) wurde lange genug verdrängt. In den ästhetischen und geistigen Kontext des Libertinismus gehören auch die fragmentarische Farce Hanswursts Hochzeit (1775), die erste Fassung der Stella (1775) oder die beiden Balladen von 1797 Die Braut von Korinth und Der Gott und die Bajadere. Die Verbindung von erotischem Schreiben, Sexualitätsdiskurs, Naturphilosophie und kirchenfeindlicher Grundhaltung ist ein tragender Pfeiler von Goethes schriftstellerischer Existenz, nicht der einzige und nicht immer gleich sichtbar, aber doch ein modernes Moment dieses Klassikers.

Für Deutschland ist noch etwas anderes zu bedenken: Auch wenn die Nationalgeistdebatte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ihren ersten Höhepunkt erreicht, ist die Begrenzung der ‚deutschen‘ auf deutschsprachige Literatur im Sinne einer Nationalliteratur zu eng. Man braucht nur daran zu erinnern, dass Friedrich II. von Preußen in französischer Sprache schrieb und dass Hofdichter in Wien ab 1729 der Römer Pietro Metastasio war – und zwar als Nachfolger des Venezianers Apostolo Zeno. Den Libertinismus in Deutschland (im Sinne des deutschen Sprachraums) haben auch Texte in Latein, Französisch oder Italienisch, die hier entstanden sind, geprägt. Das gilt für eine antilibertine Dissertation wie Johannes David Schrebers De libris obscoenis (1688), die früh den Begriff des Obszönen absteckt.[9] Es gilt für Thérèse philosophe (1748), die in Preußen entstanden sein muss, wenn sie denn ein Werk des Marquis d’Argens, den Friedrichs II. 1741 an seinen Hof und zum Mitglied und zuletzt Präsidenten der Preußischen Akademie der Wissenschaften berief. Es gilt für La Mettrie, der in Berlin nach Veröffentlichung von L’homme machine Zuflucht fand (und ebenfalls Akademiemitglied wurde). Oder – um einen anderen Kontext zu aktivieren – es gilt für Lorenzo Da Pontes und Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Così fan tutte, die die Liebe als erotisches Maskenspiel begreift.

 


[1] Martin Mulsow: Unanständigkeit. Mißachtung und Verteidigung der guten Sitten in der Gelehrtenrepublik der Frühen Neuzeit. In: Ders.: Die unanständige Gelehrtenrepublik. Wissen, Libertinage und Kommunikation der frühen Neuzeit. Stuttgart, Weimar 2011S. 1-26 (die Zitate S. 6f.).

[2] Dabei ist Mulsow sicherlich zuzustimmen, wenn er Lysers Position nicht als „libertinistisch im Sinne von lustbezogen“ ansehen will (die Polygamie dient bei Lyser nicht der sexuellen Lustgewinnung und nicht dessen Schrift der des Lesers), doch sind hier gewissermaßen die Voraussetzung der literarischen Libertinage gegeben.

[3] Die Zusammenstellung stützt sich auf Werner Fuld: Eine Geschichte des sinnlichen Schreibens. Berlin 2014, S. 231ff.

[4] Fischer, „Er spielt mit seinen Göttern.“.

[5] Ausführlich über Heinse als libertiner Autor Markus Bernauer: Heinse Libertin. In: Wilhelm Heinse. Der andere Klassizismus. Hg. von Markus Bernauer und Norbert Miller im Auftrag der Klasse der Literatur der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Göttingen 2007. S. 28-54.

[6] Vgl. Ulrich Joost: Jünglinge im (unedlen) Wettstreit. In: Literarische Zusammenarbeit. Hg. von Bodo Plachta. Tübingen 2001, S. 49-100.

[7] Jakob Reinhold Michael Lenz: Philosophische Vorlesungen für empfindsame Seelen. Frankfurt, Leipzig 1780, S. 68.

[8] Fuld, Geschichte des sinnlichen Schreibens, S. 251f.; Oskar Ludwig Bernhard Wolff: Allgemeine Geschichte des Romans, von dessen Ursprung bis zur neuesten Zeit. Jena 1841, S. 323-362.

[9] Vgl. Fuld, Geschichte des sinnlichen Schreibens, S. 233f.